Von 9. bis 13. September 2026 wird Linz erneut zum internationalen Treffpunkt für Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Technolog:innen und gesellschaftliche Querdenker:innen. Die Ars Electronica 2026 steht unter dem Jahresthema „Future Begins“, das Festival selbst unter „NEGOTIATING HUMANITY“. Dahinter steckt eine der schwierigsten Fragen unserer Zeit: Was bedeutet Menschsein in einer Welt, in der Technologie immer tiefer in Politik, Arbeit, Kommunikation, Krieg, Kultur und persönliche Beziehungen eingreift?
Die Zukunft beginnt nicht irgendwann.
Nicht 2035, nicht mit der nächsten Generation künstlicher Intelligenz und auch nicht erst dann, wenn humanoide Roboter selbstverständlich durch unsere Wohnungen laufen.
Sie beginnt mit Entscheidungen, die heute getroffen werden.
Nach „PANIC – yes/no“ im Vorjahr richtet Ars Electronica den Blick 2026 damit noch deutlicher auf die politischen, gesellschaftlichen und ethischen Konsequenzen technologischer Entwicklung.
„Future Begins“ klingt zunächst beinahe optimistisch.
„Negotiating Humanity“ macht die Sache komplizierter.
Denn offenbar müssen wir inzwischen darüber verhandeln, was wir eigentlich als menschlich betrachten wollen.
Und wer bei dieser Verhandlung überhaupt mitreden darf.
2026 markiert auch räumlich einen Einschnitt.
Die POSTCITY beim Linzer Hauptbahnhof hatte über Jahre hinweg als gigantisches Festivalzentrum wesentlich zum Charakter der Ars Electronica beigetragen. 2025 wurde sie zum letzten Mal zentraler Schauplatz.
Nun verteilt sich das Festival stärker über die Stadt. Drei Festivalbereiche – OK QUARTER, MED CAMPUS und DANUBE TRIANGLE – bilden die neuen Zentren. Dazu kommen zahlreiche weitere Veranstaltungsorte und ein Festival Walk durch Linz.
Das ist mehr als eine organisatorische Veränderung.
Ein dezentrales Festival verändert auch die Wahrnehmung einer Stadt. Wer von Ausstellung zu Ausstellung geht, bewegt sich nicht mehr bloß innerhalb eines temporären Kunstareals, sondern durch den realen urbanen Raum.
Medienkunst trifft damit noch unmittelbarer auf Alltag.
Und vielleicht passt genau das zu „Negotiating Humanity“.
Denn die großen technologischen Fragen unserer Zeit lassen sich ohnehin längst nicht mehr in einem Labor oder Ausstellungsraum isolieren.
KI steckt im Telefon.
Algorithmen entscheiden, welche Nachrichten wir sehen.
Automatisierte Systeme sortieren Informationen und Menschen.
Drohnen verändern Kriege.
Generative Systeme produzieren Texte, Stimmen, Videos und Bilder.
Technologie ist nicht mehr etwas, das man besucht.
Sie ist die Infrastruktur unseres Lebens.
Der Begriff „Negotiating Humanity“ verweist auf einen Konflikt, der in den kommenden Jahren vermutlich noch an Bedeutung gewinnen wird.
Heute treten Systeme hinzu, die Sprache produzieren, Entscheidungen vorbereiten und auf unsere Umwelt reagieren können. Sie besitzen kein menschliches Bewusstsein – und wirken im Alltag trotzdem zunehmend wie Akteure.
Damit verschieben sich Verantwortlichkeiten.
Wer trägt die Verantwortung, wenn eine KI diskriminiert?
Wer entscheidet über die Daten, mit denen sie trainiert wurde?
Wer profitiert wirtschaftlich von Automatisierung?
Welche Entscheidungen dürfen wir Maschinen überlassen?
Und welche nicht?
Die Frage lautet deshalb weniger:
Was kann KI?
Sondern:
Was wollen wir, dass sie tut – und wer ist dieses „wir“?
Hito Steyerls „Mechanical Kurds“ gehört zu den besonders spannenden angekündigten Arbeiten.
Die Videoinstallation begleitet kurdisch-syrische Geflüchtete in Erbil, die als sogenannte Klickarbeiter:innen Bilder markieren und kategorisieren und damit Künstliche Intelligenz trainieren.
Besonders bitter ist der Kreislauf, den Steyerl sichtbar macht: Diese Arbeit kann zur Entwicklung maschinellen Sehens beitragen, das später unter anderem in autonomen Fahrzeugen und militärischen Systemen eingesetzt wird.
Für „Mechanical Kurds“ erhält Steyerl 2026 den S+T+ARTS Grand Prize – Artistic Exploration.
Der Mythos vollständig automatisierter Intelligenz verdeckt sehr reale menschliche Arbeit.
„Negotiating Humanity“ bekommt hier eine zweite Bedeutung.
Vielleicht müssen wir nicht nur darüber diskutieren, wie menschlich Maschinen werden.
Vielleicht sollten wir wesentlich öfter fragen, welche Menschen wir im Namen technologischen Fortschritts unsichtbar machen.
Einen völlig anderen Zugang wählt Agnes Meyer-Brandis.
Ihr langfristiges Projekt „Office for Tree Migration“ untersucht die Migration von Bäumen und Pflanzen in unterschiedlichen Klimazonen: Pflanzen wandern nach Norden, Baumgrenzen verschieben sich bergauf, Arten dringen in neue ökologische Räume vor.
Der Begriff Migration erhält dadurch plötzlich eine andere Dimension.
Was bei Menschen politisch aufgeladen ist, erscheint in Ökosystemen als unmittelbare Reaktion auf veränderte Lebensbedingungen.
Kunst, Wissenschaft und Klimaforschung treffen hier aufeinander – genau jene Verbindung, für die der S+T+ARTS Prize ursprünglich geschaffen wurde.
Auch der Prix Ars Electronica liefert 2026 beeindruckende Zahlen.
4.329 Arbeiten aus 106 Ländern wurden eingereicht. Der 1987 gegründete Prix ist damit längst mehr als ein Medienkunstpreis. Er funktioniert auch als Seismograf für künstlerische, technologische und gesellschaftliche Veränderungen.
Denn während Technologieunternehmen demonstrieren, was ihre neuesten Systeme leisten können, zeigen Künstler:innen häufig zuerst, welche Konsequenzen daraus entstehen könnten.
Sie zweckentfremden Maschinen.
Sie machen unsichtbare Prozesse sichtbar.
Sie untersuchen Datensysteme, Biotechnologie, Robotik und künstliche Intelligenz nicht ausschließlich nach ihrer Leistungsfähigkeit, sondern nach ihren gesellschaftlichen Auswirkungen.
So wird aus Technik Kultur.
Und aus Kultur Politik.
Besonders deutlich wird diese politische Dimension beim State of the ART(ist) Award 2026.
Der Hauptpreis geht an den kolumbianischen Künstler Paolo Almario für seine Installation „Marmelade“. Die iranische Künstlerin Sara Azadkhani erhält für ihr fotografisches Projekt „Canvas“ einen Award of Distinction.
Die Initiative unterstützt Künstler:innen, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen durch Krieg, politische Repression, Einschränkung der Meinungsfreiheit, Umweltkrisen oder strukturelle Gewalt bedroht sind.
Damit stellt Ars Electronica eine Frage, die im technologischen Diskurs manchmal erstaunlich schnell vergessen wird:
Was nützt die beste digitale Infrastruktur ohne gesellschaftliche Freiheit?
Kunst benötigt nicht nur technische Möglichkeiten.
Sie benötigt Räume, in denen Widerspruch möglich ist.
Wo diese Räume verschwinden, wird auch Technologie politisch.
2026 kommt ein weiterer Programmschwerpunkt hinzu.
Gemeinsam mit CARE Österreich zeichnet Ars Electronica erstmals Projekte im Rahmen der „AI for Social Impact Initiative“ aus.
Im Mittelpunkt stehen Anwendungen künstlicher Intelligenz, die konkrete gesellschaftliche, humanitäre oder ökologische Probleme adressieren – beispielsweise in Gesundheit, Bildung, Ernährungssicherheit, Klimawiderstandsfähigkeit und Krisenmanagement.
Das ist eine wichtige Ergänzung zur inzwischen häufig polarisierten KI-Diskussion.
Zwischen euphorischer Heilslehre und dystopischer Untergangsprognose bleibt erstaunlich wenig Raum für konkrete Anwendungen.
Dabei entscheidet sich der gesellschaftliche Wert einer Technologie letztlich nicht an spektakulären Demonstrationen.
Sondern daran, welche Probleme sie tatsächlich löst.
Und wem diese Lösungen zugutekommen.
Die vielleicht spannendste Grundhaltung der Ars Electronica besteht seit Jahrzehnten darin, Technologien gleichzeitig ernst zu nehmen und ihnen zu misstrauen.
Das klingt widersprüchlich.
Ist es aber nicht.
Man kann die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz faszinierend finden und gleichzeitig ihre ökonomische Konzentration kritisieren.
Man kann Robotik bewundern und über Automatisierung von Arbeitsplätzen diskutieren.
Man kann virtuelle Welten lieben und gleichzeitig fragen, wem die Plattform gehört, auf der sie existieren.
Und man kann wissenschaftlichen Fortschritt begrüßen, ohne daraus automatisch gesellschaftlichen Fortschritt abzuleiten.
Gerade darin liegt der Unterschied zwischen einer Technologiemesse und einem Festival wie Ars Electronica.
Hier geht es nicht in erster Linie darum, das nächste Produkt zu präsentieren.
Es geht darum, Vorstellungskraft zu produzieren.
„Future Begins“ könnte man als optimistischen Slogan lesen.
Interessanter ist eine andere Interpretation.
Die Zukunft beginnt mit jeder Entscheidung, die wir heute treffen.
Mit jedem System, das wir einsetzen.
Mit jeder Verantwortung, die wir delegieren.
Mit jedem Datensatz, den wir sammeln.
Und auch mit jeder Grenze, die wir setzen.
Technischer Fortschritt ist niemals neutral. Er entsteht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und verändert sie gleichzeitig.
Deshalb ist die Frage nach der Zukunft immer auch eine Frage danach, welche Gesellschaft wir wollen.
Vielleicht steckt genau darin die entscheidende Aussage von „NEGOTIATING HUMANITY“:
Menschlichkeit ist nichts, das uns Technologie automatisch nehmen kann.
Aber sie ist auch nichts, dessen Fortbestand garantiert wäre.
Sie muss immer wieder neu ausgehandelt werden.
Am besten nicht erst dann, wenn die Maschinen bereits entschieden haben.
Vom 9. bis 13. September 2026 gibt es in Linz fünf Tage lang Gelegenheit dazu.
Ars Electronica Festival 2026 – FUTURE BEGINS: NEGOTIATING HUMANITY
9.–13. September 2026 · Linz
Mehr Informationen: https://ars.electronica.art/negotiatinghumanity/de/
Von 3. bis 7. September 2025 verwandelte die Ars Electronica Linz wieder in ein internationales Labor für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Unter dem Titel „PANIC – yes/no“ ging es fünf Tage lang um eine Frage, die weit über digitale Kunst hinausweist: Wie reagieren wir auf eine Gegenwart, in der Krisen, technologische Beschleunigung und gesellschaftliche Verunsicherung zunehmend zum Normalzustand werden?
Es gibt Festivals, bei denen man nach zwei Tagen ziemlich genau weiß, wie sie funktionieren. Bei der Ars Electronica ist das traditionell anders. Wer versucht, alles zu sehen, hat bereits verloren.
2025 waren es 379 Exponate und 684 einzelne Programmangebote, dazu Ausstellungen, Performances, Konzerte, Konferenzen, Workshops, Diskussionen und Interventionen. 1.472 Künstler, Wissenschaftler und Aktivist aus 83 Ländern waren beteiligt, insgesamt wurden während der fünf Festivaltage mehr als 122.000 Besuche gezählt.
Das Zentrum war ein letztes Mal die POSTCITY beim Linzer Hauptbahnhof. Gerade dieser ehemalige Logistikkomplex hat über Jahre wesentlich zur Atmosphäre der Ars Electronica beigetragen: rohe Industriearchitektur, Bunker, riesige Hallen und technische Infrastruktur wurden selbst zum Bestandteil der ausgestellten Kunst.
Gleichzeitig erstreckte sich das Festival längst über diesen zentralen Schauplatz hinaus – unter anderem zum Lentos Kunstmuseum, zur Kunstuniversität, zum Ars Electronica Center, zum Mariendom und an zahlreiche weitere Orte in Linz.
„PANIC – yes/no“ war ein bemerkenswert gut gewähltes Motto.
Panik ist schließlich längst nicht mehr ausschließlich jener kurze Ausnahmezustand, in dem vernünftiges Handeln von irrationaler Angst verdrängt wird. Die Gegenwart produziert permanent neue Gründe zur Beunruhigung: Krieg, Klimakrise, autoritäre politische Entwicklungen, Desinformation, wirtschaftliche Unsicherheit und nicht zuletzt eine technologische Entwicklung, deren Geschwindigkeit mit gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen kaum noch Schritt hält.
Vor allem Künstliche Intelligenz hat diese Situation noch einmal verschärft. Innerhalb weniger Jahre ist sie von einer weitgehend spezialisierten Technologie zu einem kulturellen und ökonomischen Alltagsphänomen geworden. Generative Systeme schreiben Texte, erzeugen Bilder und Musik, beeinflussen Arbeitswelten, Bildung, Medien und politische Kommunikation.
Die Ars Electronica stellte dieser Situation jedoch kein technikfeindliches Programm entgegen. Das wäre für ein Festival, das sich seit 1979 genau an der Schnittstelle zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft bewegt, auch reichlich absurd.
Interessanter war die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten bleiben.
Was kann Kunst tun, wenn gesellschaftliche Entwicklungen zunehmend als alternativlos präsentiert werden? Kann sie Komplexität sichtbar machen, ohne selbst in Katastrophenästhetik zu verfallen? Kann sie Räume schaffen, in denen Unsicherheit nicht sofort durch einfache Antworten beseitigt werden muss?
Die große Themenausstellung in den Katakomben der POSTCITY nahm genau diese Fragen auf.
Jin Lees raumgreifende Installation „Liminal Ring“ bestand aus 384 präzise eingestellten Ventilatoren. Sie erzeugten ringförmige laminare Luftströmungen, die für einen Moment wie kontrollierte, stabile Strukturen erschienen – bevor sie sich wieder im chaotischen Luftfeld auflösten.
Ein technisch beeindruckendes und gleichzeitig erstaunlich einfaches Bild für unsere Vorstellung, komplexe Systeme vollständig beherrschen zu können.
Marc Vilanovas „Phonos“ näherte sich dieser Grenze über Klang.
208 wiederverwendete Lautsprecher wurden so angesteuert, dass Infraschall – Frequenzen unterhalb unserer Hörschwelle – über Bewegungen, Vibrationen und mechanische Geräusche erfahrbar wurde. Technologie fungierte hier nicht als Präsentationsmittel, sondern selbst als künstlerisches Material.
Einen weiteren Fixpunkt bildete die Ausstellung der Gewinner des Prix Ars Electronica im Lentos Kunstmuseum.
Der Prix existiert seit 1987 und gehört zu den traditionsreichsten internationalen Auszeichnungen für digitale und medienbasierte Kunst. Interessant ist dabei weniger die Frage, welche Technologie gerade besonders neu erscheint, sondern was Künstler mit ihr anfangen.
Die Nähe von Organischem und Technischem zieht sich ohnehin seit Jahrzehnten durch die Geschichte der Ars Electronica. Was früher häufig wie Science-Fiction wirkte, ist inzwischen gesellschaftlicher Alltag.
Maschinen kommunizieren mit uns. Algorithmen treffen Vorauswahlen. Künstliche Systeme simulieren menschliche Sprache. Generierte Bilder lassen sich teilweise kaum noch von fotografischen Aufnahmen unterscheiden.
Die Kunst bietet dafür keinen neutralen Aussichtspunkt.
Aber sie schafft Situationen, in denen wir diese Entwicklungen aus einer ungewohnten Perspektive betrachten können.
Bemerkenswert war 2025 auch, wie stark politische Fragen in das Programm eingewoben wurden.
Demokratie, Medienkompetenz, politische Bildung und digitale Souveränität waren keine Randthemen. Das ist auf einem Festival wie diesem besonders sinnvoll. Denn Europas Abhängigkeit von einigen wenigen internationalen Technologiekonzernen ist längst nicht nur ein wirtschaftliches Problem.
Wer die technischen Plattformen kontrolliert, prägt Kommunikationsräume, Wahrnehmung und letztlich gesellschaftliche Öffentlichkeit.
Ars Electronica versteht Technologie deshalb erfreulicherweise selten als bloßes Werkzeug.
Technologie ist immer auch Politik.
Wer bei Ars Electronica ausschließlich an Computer, Roboter und KI denkt, unterschätzt allerdings einen wesentlichen Teil des Festivals: Klang und Musik gehören seit der ersten Ausgabe von 1979 zum Kern des Programms.
Besonders eindrucksvoll war 2025 die Big Concert Night in der Train Hall der POSTCITY.
Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rückte dabei Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ ins Zentrum.
Ullmann schrieb das Werk 1943/44 gemeinsam mit dem Librettisten Peter Kien im Konzentrationslager Theresienstadt. Bei Ars Electronica wurde es als Verbindung aus Orchesteraufführung und szenisch-visueller Gestaltung präsentiert.
Später verwandelte die Ars Electronica Nightline dieselbe Halle in einen Ort für elektronische Musik, audiovisuelle Performances und Clubkultur.
Dass Hochkultur, experimentelle Elektronik und Clubästhetik hier nicht als Gegensätze behandelt werden, gehört zu den sympathischsten Eigenschaften des Festivals.
Mindestens ebenso wichtig wie die großen international etablierten Namen ist der Campus-Bereich.
Mehr als 30 internationale Hochschulen beteiligten sich 2025 an der Ars Electronica Campus Exhibition. Gerade hier lässt sich beobachten, wohin sich Medienkunst bewegt, wenn eine Generation damit arbeitet, für die Digitalität keine technologische Revolution mehr ist, sondern schlicht die Umgebung, in der sie aufgewachsen ist.
Die interessantesten Arbeiten müssen deshalb keineswegs jene mit dem höchsten technischen Aufwand sein. Oft reichen ein kluger Gedanke, ein irritierender Perspektivwechsel oder eine einfache Interaktion, um die Beziehung zwischen Mensch und Maschine neu zu betrachten.
Vielleicht lässt sich das Festival 2025 am besten mit einem Gedanken zusammenfassen:
Fortschritt ist keine technische Kategorie.
Mehr Rechenleistung, bessere Algorithmen und immer leistungsfähigere Maschinen sagen noch nichts darüber aus, ob eine Gesellschaft gerechter, freier, demokratischer oder lebenswerter wird.
Genau deshalb bleibt Ars Electronica relevant.
Das Festival feiert Technologie, ohne ihr blind zu vertrauen. Es kritisiert Digitalisierung, ohne sich in nostalgische Technikfeindlichkeit zurückzuziehen. Und es versteht Kunst nicht als dekoratives Begleitprogramm technischer Entwicklungen, sondern als eigenständige Methode, Fragen zu stellen.
„PANIC – yes/no“ beantwortete die im Titel gestellte Frage deshalb auch nicht.
Vielleicht war genau das die richtige Entscheidung.
Denn angesichts einer Gegenwart voller realer Gründe zur Beunruhigung wäre ein einfaches „no“ naiv. Ein dauerhaftes „yes“ dagegen lähmt.
Dazwischen liegt jener Raum, in dem Kunst interessant wird.
Und für fünf Tage im September 2025 war Linz wieder einer der besten Orte, um diesen Raum zu betreten.
Mehr Informationen: Ars Electronica Festival 2025 – https://ars.electronica.art/panic/
Von 4. bis 8. September 2024 wurde Linz wieder zum internationalen Zentrum für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Das Ars Electronica Festival stellte sich diesmal unter dem Titel „HOPE – who will turn the tide“ eine auf den ersten Blick ungewöhnlich optimistische Frage: Wer kann das Ruder noch herumreißen?
Optimismus bedeutete dabei keineswegs die naive Hoffnung, dass am Ende schon alles gutgehen werde. Vielmehr ging es um die Möglichkeit, selbst Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen zu nehmen.
Eine Frage, die angesichts von Klimakrise, Kriegen, Künstlicher Intelligenz und zunehmender politischer Polarisierung alles andere als selbstverständlich erscheint.
1.260 Künstler, Wissenschaftler, Entwickler, Unternehmer und Aktivist aus 67 Ländern beteiligten sich am Festival. 498 Veranstaltungen wurden an zehn offiziellen und acht weiteren Locations angeboten. Mit mehr als 112.000 Besuchen stellte die Ars Electronica 2024 einen neuen Festivalrekord auf.
„HOPE“ war kein Aufruf zum Zurücklehnen.
Im Gegenteil.
Die zentrale Frage „Who will turn the tide?“ richtete sich unmittelbar an die Besucher. Wer soll gesellschaftliche Veränderung eigentlich herbeiführen?
Politik?
Wissenschaft?
Technologieunternehmen?
Künstler?
Oder wir selbst?
Die große Themenausstellung „HOPE: the touch of many“ zog sich durch das unterirdische Labyrinth der POSTCITY. Künstlerische Arbeiten, wissenschaftliche Forschung und gesellschaftspolitische Projekte beschäftigten sich dort mit möglichen Antworten auf globale Krisen.
Gerade diese Verbindung macht die Ars Electronica seit Jahrzehnten interessant: Technologie wird weder als Heilsversprechen gefeiert noch grundsätzlich als Bedrohung betrachtet.
Entscheidend ist, was Menschen damit tun.
Einen spektakulären Auftakt erlebte das Festival im Linzer Mariendom – ausgerechnet am 200. Geburtstag Anton Bruckners.
Bei „BruQner – The Quantum Symphony“ traf Bruckners Musik auf Quantenphysik. Verschränkte Lichtteilchen wurden eingesetzt, um Musiker an verschiedenen Orten miteinander zu verbinden und musikalische Abläufe mitzubestimmen.
Ein Experiment irgendwo zwischen Konzert, Wissenschaft, Technologie und Kunst – und damit eigentlich eine ziemlich perfekte Ars-Electronica-Arbeit.
Auch Musik spielte während der weiteren Festivaltage eine wichtige Rolle. Bei der Big Concert Night traf das Cello Octet Amsterdam auf den Medienkünstler Nick Verstand, während die Nightline die POSTCITY wieder in einen riesigen Raum für elektronische und experimentelle Musik verwandelte.
Wie Kunst abstrakte wissenschaftliche Erkenntnisse sinnlich erfahrbar machen kann, zeigte beispielsweise Beatie Wolfe mit „From Green to Red“.
Die Arbeit übersetzte 800.000 Jahre Klimadaten und den dramatischen Anstieg des CO₂-Gehalts der Atmosphäre in eine audiovisuelle Darstellung an der Fassade des Ars Electronica Center.
Zahlen wurden zu Bildern.
Daten wurden zu Erfahrung.
Genau darin liegt eine Stärke der Medienkunst: Sie kann Zusammenhänge sichtbar und spürbar machen, die in Tabellen und Statistiken abstrakt bleiben.
Vielleicht war „HOPE“ gerade deshalb ein passendes Festivalthema.
Hoffnung bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass technische Innovation automatisch eine bessere Welt hervorbringen wird.
Technologie kann Probleme lösen.
Sie kann bestehende Probleme aber ebenso vergrößern.
Welche Zukunft daraus entsteht, bleibt eine gesellschaftliche Entscheidung.
Die Ars Electronica 2024 setzte deshalb weniger auf Zukunftsoptimismus als auf Handlungsmöglichkeiten.
Die Frage „Who will turn the tide?“ lässt sich am Ende vielleicht überraschend einfach beantworten:
Niemand wird es für uns tun.
Ars Electronica Festival 2024 – HOPE: who will turn the tide
4.–8. September 2024 · Linz
Mehr Informationen: https://ars.electronica.art/hope/de/
Wem gehört die Wahrheit?
Mit dieser scheinbar einfachen Frage stellte die Ars Electronica von 6. bis 10. September 2023 eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit ins Zentrum ihres Festivals.
„Who Owns the Truth?“ lautete das Motto – und es hätte angesichts von Fake News, Verschwörungserzählungen, Künstlicher Intelligenz, Deepfakes, Propaganda und zunehmend fragmentierten Öffentlichkeiten kaum aktueller sein können.
88.000 Besuche wurden während der fünf Festivaltage gezählt. 1.542 Künstler, Wissenschaftler, Entwickler, Designer und Aktivist aus 88 Ländern waren beteiligt. 650 Ausstellungsobjekte und 575 Veranstaltungen verteilten sich auf 14 Locations in Linz.
Zentraler Schauplatz war wieder die POSTCITY.
Der ehemalige Post- und Paketverteiler beim Linzer Hauptbahnhof bot mit seinen riesigen Hallen, unterirdischen Räumen und seiner industriellen Infrastruktur jene Umgebung, in der Medienkunst nicht wie ein Fremdkörper wirkt, sondern beinahe selbstverständlich erscheint.
Die entscheidende Qualität des Festivalthemas lag im zweiten Wort der Frage.
Nicht: „Was ist wahr?“
Sondern: „Wem gehört die Wahrheit?“
Denn Wahrheit ist längst auch eine Frage von Macht.
Wer verfügt über Informationen?
Wer kontrolliert Plattformen?
Wer bestimmt, welche Inhalte sichtbar werden?
Wer programmiert Algorithmen?
Und wer entscheidet darüber, welchen Quellen wir vertrauen?
Mit dem Aufstieg generativer Künstlicher Intelligenz bekam diese Diskussion 2023 zusätzliche Brisanz.
Bilder können erzeugt werden, ohne dass das abgebildete Ereignis jemals stattgefunden hat. Stimmen lassen sich synthetisieren. Texte werden automatisch produziert. Die Grenze zwischen Dokumentation, Manipulation und Fiktion wird schwieriger erkennbar.
Medienkompetenz wird damit zunehmend zu einer Voraussetzung gesellschaftlicher und demokratischer Teilhabe.
Ars Electronica versuchte darauf keine einfachen Antworten zu geben.
Das wäre auch ein Widerspruch zum eigenen Anspruch.
Kunst kann vielmehr genau dort interessant werden, wo scheinbare Gewissheiten ins Wanken geraten. Sie kann Technologien aus ihren üblichen Zusammenhängen lösen, Algorithmen zweckentfremden und sichtbar machen, was in unserem digitalen Alltag normalerweise verborgen bleibt.
Das Festival brachte dafür Ausstellungen, Performances, Konzerte, Screenings, Vorträge, Konferenzen und Workshops zusammen.
Künstler trafen auf Wissenschaftler, Entwickler auf Aktivist und Technologie auf Gesellschaft.
Vielleicht war die Frage „Who Owns the Truth?“ deshalb größer als das Festival selbst.
Denn eine demokratische Gesellschaft benötigt nicht zwingend Menschen, die alle dieselbe Meinung vertreten.
Sie benötigt aber zumindest eine gemeinsame Vorstellung davon, dass Fakten existieren und überprüfbar sind.
Wenn personalisierte Algorithmen jedem Menschen eine andere Wirklichkeit präsentieren, wenn künstlich erzeugte Medien immer schwieriger von dokumentarischem Material zu unterscheiden sind und wenn wenige globale Plattformen darüber entscheiden, welche Informationen Milliarden Menschen erreichen, wird Wahrheit zu einer politischen Frage.
Und damit auch zu einer Frage von Macht.
Die Ars Electronica 2023 lieferte darauf keine endgültige Antwort.
Aber sie stellte die richtige Frage.
Und manchmal ist genau das die Aufgabe von Kunst.
Ars Electronica Festival 2023 – WHO OWNS THE TRUTH?
6.–10. September 2023 · Linz
Mehr Informationen: https://ars.electronica.art/who-owns-the-truth/de/